Antworten von Bundestagsabgeordneten
 

Der Abgeordnete Hubertus Heil bestätigte den Eingang der E-Mail; die Abgeordneten Lothar Binding, Dr. Dagmar Enkelmann, Jörg van Essen und Gerhard Wächter äußerten sich unterschiedlich ausführlich zum Inhalt der WWW-Seite bzw. zu einzelnen Passagen derselben. Die relativ geringe Anzahl der Antworten ist nicht erstaunlich, da ich nicht explizit um eine Antwort gebeten hatte.

Das personalisierte E-Mail-Anschreiben:

Betreff: Kritik des reinen Kapitalismus

Sehr geehrte[r] Frau [Herr] (gegebenenfalls Titel) (Nachname),

der Kapitalismus hat in Deutschland zunehmend ein Akzeptanzproblem.

Auf http://www.ulrich-willmes.de/kapitalismus.html finden Sie Überlegungen zu Chancen und Risiken des Systems sowie einige Verbesserungsvorschläge.

Mit freundlichen Grüßen

Ulrich Willmes
 

Antwort von Herrn Binding vom 19.02.2008:

Sehr geehrter Herr Willmes,

durch einen Zufall habe ich Ihre Mail gesehen. Normalerweise werden Mails ohne Absenderadresse1 und Telefonnummer oder Massenmails von meinem Spamfilter verworfen.

Leider schaffe ich es nicht Ihre umfangreichen Ausführungen angemessen zu reflektieren. Zu viele Bürgerinnen und Bürger senden aus dem ganzen Bundesgebiet Mails dieser Art... was ich sehr gut finde... Deshalb versuche ich, mich mit den Bürgerinnen und Bürgern aus meinem Wahlkreis zu solche Themen zu treffen - leider geht das natürlich nicht bundesweit.

Als "Referenztext" habe ich mir Ihre Bemerkungen zum Steuersystem etwas angeschaut. Leider reflektieren Sie die großen Nachteile und Gestaltungsmöglichkeiten des von Ihnen vorgeschlagenen Schedulensystems2 nicht, deshalb ist mit Ihrem Vorschlag nicht sicher zu stellen, dass die von Ihnen in der Einführung formulierten Ziele erreichbar sind. Die abstrakt formulierten Ziele lassen sich mit den konkreten Vorschlägen, die noch weit entfernt sind von verfassungskonformen Gesetzesformulierungen, m. E. nicht erreichen.

Eine zweite Bemerkung: Sie gehen nicht hinreichend auf außensteuerliche Zusammenhänge ein. Ebenso sparen Sie die sich aus den Grundfreiheiten (vier plus Annex)3 ergebenden Restriktionen für unsere Gesetzgebung vollständig aus. Aber gerade aus den Verrechnungspreisen, der Funktionsverlagerung etc. ergeben sich die Hauptprobleme für unser Steuersubstrat – und, wenn Sie so wollen, für berechtigte "Kritik am Kapitalismus".

Hoffentlich können Sie meine Kritik positiv verwerten.

Jetzt habe ich noch eine unhöfliche, fast unmögliche Bitte: Da ich den Grundsatz habe, keine Mail (die den formalen Anforderungen einer Korrespondenz entspricht) im ersten Austausch unbeantwortet zu lassen, muss ich Sie bitten, unseren Dialog schon hier zu beenden. Andernfalls habe ich keine Chance, auf alle Mails zu antworten.

Falls Sie in meinem Wahlkreis wohnen, bitte ich Sie, mit meiner Mitarbeiterin einen Termin für uns beide zu vereinbaren oder zu meinen Veranstaltungen zu kommen – dort können wir Ihre Inhalte vertiefen.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Lothar Binding
 

1 Die E-Mail an Herrn Binding enthielt nicht meine Postanschrift, aber natürlich meine korrekte E-Mail-Adresse. Die Postanschrift ist im Impressum dieser Website vermerkt.

2 Als Schedulensystem bezeichnet man eine Einkommensbesteuerung getrennt nach verschiedenen Einkommensarten (unabhängig vom Gesamteinkommen des Steuerpflichtigen). In meinem Text wird z. B. eine unterschiedliche Besteuerung von selbst erarbeitetem und nicht selbst erarbeitetem Einkommen vorgeschlagen – allerdings nicht unabhängig vom Gesamteinkommen des Steuerpflichtigen.

3 Die Grund- oder Marktfreiheiten innerhalb der Europäischen Gemeinschaft sind freier Warenverkehr, freier Kapitalverkehr, Dienstleistungsfreiheit und Freizügigkeit. Die Annexfreiheit ist die Freiheit des Zahlungsverkehrs. Diese Freiheiten werden von transnationalen Unternehmen systematisch dazu genutzt, Gewinne in steuerlich besonders günstige Staaten innerhalb der EU zu verschieben. Auch reiche Privatpersonen – so genannte Steuerflüchtlinge – nutzen die unterschiedlichen Steuersätze aus und melden ihren Erstwohnsitz in einem Land mit niedrigen Steuersätzen an statt in jenem, wo sie hauptsächlich wirtschaftlich tätig sind oder waren. Man kann – dazu rate ich in Vorschläge für ein besseres Steuersystem – versuchen, sie dazu zu zwingen, die Gewinne in jenem Land zu versteuern, in dem sie erwirtschaftet werden bzw. wurden – was derzeit nicht geschieht. Letztlich kann aber in der Tat wohl nur eine einheitliche Steuergesetzgebung in ganz Europa solchen Missbrauch verhindern. Auf die Steueroasen – in der Regel kleine Länder, die im Gegensatz zu großen und bevölkerungsreichen Staaten nur vergleichsweise wenig für Infrastruktur und Soziales ausgeben müssen – könnte man aber durchaus schon jetzt einen erheblich größeren politischen und wirtschaftlichen Druck ausüben, damit sie nicht weiterhin gezielt Steuerflüchtlinge anlocken.
 

Antwort von Herrn van Essen vom 21.02.2008:

Sehr geehrter Herr Willmes!

Vielen Dank für Ihre Zuschrift und Ihr darin enthaltenes Link zu einem kritischen Aufsatz zum Kapitalismus.

Bitte haben Sie Verständnis, dass ich nicht auf alle darin genannten Aspekte eingehen kann - wobei ich aber nicht verhehlen möchte, dass mich einige Thesen sehr befremden.

Gleichzeitig ist eines klar: Die Soziale Marktwirtschaft war die Grundlage für den Wiederaufbau in der Bundesrepublik nach dem Krieg. Nur die Soziale Marktwirtschaft schafft Wohlstand für alle. Die Soziale Marktwirtschaft ist ein Wirtschaftssystem, ein Gesellschaftsmodell und zugleich auch ein ethischer Rahmen für die Bürgergesellschaft. Das Präsidium der FDP hat Anfang der Woche einen entsprechenden Beschluss (Hamburger Erklärung „Für die Soziale Marktwirtschaft“) verabschiedet. Ein Link zu dem Beschluss finden Sie nachfolgend:

http://www.liberale.de/files/653/P-Hamburger_Erklaerung.pdf

Weitere Informationen finden Sie auch unter www.fdp.de.

Mit freundlichen Grüßen

Jörg van Essen, MdB,
Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion
 

Antwort von Herrn Wächter vom 22.02.2008:

Sehr geehrter Herr Dr. Willmes,

für Ihre Mail vom 20. Februar 2008, mit der Sie mich auf Ihren Beitrag „Kritik des reinen Kapitalismus“ aufmerksam machen, danke ich Ihnen.

Ich habe Ihren Beitrag mit Interesse gelesen und festgestellt, dass es recht viele Punkte gibt, in denen wir einer Meinung sind. Hier denke ich zum Beispiel an Ihre Ausführungen zum Thema Globalisierung und Ihre Folgerung, dass den Investitionsbereichen Bildung und Ausbildung künftig oberste Priorität zukommen muss. Bildung ist nicht nur der Schlüssel für soziale Gerechtigkeit, sondern auch für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Umso mehr begrüße ich, dass die Bundesregierung diesbezüglich bereits Konsequenzen gezogen hat und eine erste wichtige Initiative mit dem Titel „Aufstieg durch Bildung – Qualifizierungsinitiative der Bundesregierung“ zur Beratung vorgelegt hat. In dieser Initiative wird eine Vielzahl von Ansätzen und konkreten Maßnahmen aufgezeigt, mit denen die Bildungschancen junger Menschen verbessert, die Durchlässigkeit des Bildungssystems erhöht und innovative Impulse unterstützt werden.

Außerdem setzen Sie in Ihrem Beitrag neue Anreize zur Problemlösung. Einige erscheinen mir plausibel und verfolgenswert, wie zum Beispiel Ihre Vorschläge zur Verhinderung von Finanzkrisen im Bankengeschäft. Ich kann aber auch nicht verhehlen, dass ich nicht alle Ihre Vorschläge gutheißen kann. Als Verkehrspolitiker bin ich natürlich höchst alarmiert, wenn sie zum Beispiel vorschlagen, dass Ausgaben für den Bau oder Ausbau von Straßen verschoben werden sollten. Meiner Meinung nach wurde unsere Verkehrsinfrastruktur bereits lange genug vernachlässigt. Viele Straßen und insbesondere auch Brücken sind sanierungsbedürftig – mit fatalen Folgen für unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und letztlich auch für den Klimaschutz. Meiner festen Überzeugung nach ist eine leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur eine unverzichtbare Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes.

Trotz einiger Differenzen in unseren Ansichten werde ich Ihre Anregungen gern in meine Arbeit einfließen lassen. Nochmals herzlichsten Dank und weiterhin alles Gute für Sie!

Mit freundlichen Grüßen

Gerhard Wächter, MdB
 

Antwort von Frau Dr. Enkelmann vom 27.02.2008:

Sehr geehrter Herr Willmes,

ich freue mich, dass Sie sich so intensiv mit dem jetzigen Kapitalismus auseinandersetzen und dabei viele sozial orientierte Vorschläge unterbreiten, die gar nicht so weit entfernt von den Vorschlägen meiner Fraktion DIE LINKE sind.

Sie werden verstehen, dass ich schon rein aus Zeitgründen nicht auf alle Ihre Gedanken eingehen kann. Ich achte sehr Ihren Ansatz, einem „reinen“ Kapitalismus ein rationales und effizientes Funktionieren zu unterstellen und vielfache Ungerechtigkeiten und Fehlentwicklung dieser Gesellschaft mit einem Abweichen von diesem „reinen“ Kapitalismus zu erklären.

Als Linke neige ich allerdings eher zu der Ansicht, dass auch ein „reiner“ Kapitalismus, wie ihn Marx im „Kapital“ untersucht hat, am Ende nur begrenzt verbesserungsfähig ist, insbesondere wenn es darum geht, allen Menschen ein selbstbestimmtes und freies Leben zu ermöglichen. Früher oder später werden wir an der so genannten Systemfrage – ob wir einen demokratischen Sozialismus dem jetzigen Kapitalismus vorziehen – nicht
vorbeikommen.

Auch stecken meiner Meinung nach in Ihrer ansonsten leicht fasslichen Darstellung einige Ungenauigkeiten. So meint eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik nicht primär, dass ein Angebot an kaufbaren Waren vorhanden ist, sondern die Argumentation dieser Theoretiker läuft darauf hinaus zu erklären, dass ein Investor bei einer Investition alle Elemente der kapitalistischen Reproduktion mitbringt: Nicht nur Ausrüstungen und Know-how in stofflicher und geldlicher Form, sondern auch Arbeitsplätze, Beschäftigung und damit auch Löhne, Gehälter, Einkommen, resp. also Kaufkraft. D.h., ein möglichst großes Angebot an solchen (renditeträchtigen) Investitionen schafft sich auch selbst die nötige Nachfrage, eine spezielle Politik zur Stärkung der Binnennachfrage der breiten Bevölkerung sei deswegen nicht notwendig. Dass dies nicht die Position der LINKEN ist, werden Sie sicher wissen.

Für Ihr Leben und Ihre aufklärerische Arbeit wünsche ich Ihnen viel Erfolg.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Dagmar Enkelmann

Kritik des reinen Kapitalismus
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